33kompakt November 2019 Entlassungen an Wir wussten dass von den rund 27 000 Arbeitsplätzen nur etwa 5000 gesichert waren MASSIVER ARBEITSPLATZABBAU war Anfang der 1990er Jahre in Ostdeutsch land ein flächendeckendes Problem In der DDR gab es fast keine Arbeitslosig keit die Zahl der Beschäftigten in einem Betrieb richtete sich nicht unbedingt nach wirtschaftlichen Kriterien Da es politisch gewollt war die sogenannten volkseigenen Betriebe in die Privatwirt schaft zu überführen sollten sie am Markt bestehen können Zuständig für diesen Prozess war die Treuhandanstalt dabei blieb nahezu kein Betrieb von Personalabbau verschont Sozialpläne Kurzarbeit Abfindungen Umschulun gen und Frühverrentung waren die Mit tel um dies einigermaßen sozialverträg lich zu gestalten Ute Liebsch die heute den IG BCE Bezirk Cottbus leitet arbeitete 1989 bei der zum FDGB gehörenden IG Chemie Glas und Keramik Die Leute hatten von der Politik der DDR die Schnauze voll sagt sie Und sie wollten reisen können Für die Gewerkschaften be deutete die Wende einen demokra tischen Erneuerungsprozess Die alte Gewerkschaft schloss einen Koopera tionsvertrag mit der bundesdeutschen IG Chemie Papier Keramik ab der die Mitglieder in die DGB Gewerkschaft führte Die alte DDR Gewerkschaft wur de aufgelöst Die IG Chemie Papier Keramik schloss sich 1997 mit der IG Bergbau und Energie und der Ge werkschaft Leder zur IG BCE zusam men Für die Gewerkschaftsmitarbeiter hieß es 1990 sich mit der neuen Situation vertraut zu machen Über Nacht hatten sich alle Gesetze geändert sagt Ute Liebsch Während der Zeit der Massen entlassungen war die Unterstützung durch die Gewerkschaft für die Beschäf tigten von existenzieller Bedeutung Wir haben Hunderte von Schiedsstellen Ver fahren durchgezogen berichtet Liebsch Als gut bezeichnet sie die Zusammen arbeit mit den Betriebsleitern 1990 ha ben wir viel mehr mit den Geschäfts leitungen zusammen gemacht als heute Auch die Chefs hatten damals Angst um ihre Jobs Für eine ganze Reihe von Betrieben fand sich kein Käufer Hart traf es etwa die Schuhindustrie in Weißenfels Rund 5000 Menschen arbeiteten in den Fabri ken die zum VEB Banner des Friedens gehörten 30 000 Paar Schuhe fertigten sie pro Tag Geblieben ist davon fast nichts 1992 schloss die letzte Produk tionsstätte In einigen Wirtschaftszweigen war klar dass es nicht mehr weitergehen konnte In den Kernkraftwerken Rheins berg und Lubmin etwa Und beim Uran bergbau im Erzgebirge der einen Groß teil des Urans für die sowjetischen Atomwaffen geliefert hatte Bereits in den 1980er Jahren war die Menge des ge förderten Urans rückläufig obwohl die Schächte bis zu 1800 Meter in den Un tergrund reichten Im Dezember 1991 übernahm der deutsche Staat die alleini ge Verantwortung für das zuvor deutsch sowjetische Gemeinschaftsunternehmen Wismut das die Förderung betrieben hatte Seitdem läuft die Sanierung der Altlasten Rund 45 000 Menschen arbei teten zur Zeit der Wende bei der Wismut heute sind es noch etwa 1000 EINER DER HAUPTENERGIETRÄGER in der DDR war die Braunkohle Eine ganze Reihe von Kraftwerken produzier ten den Strom und die Fernwärme für die Neubausiedlungen Unzählige Bri kettfabriken in den Kohlerevieren liefer ten den Brennstoff für die Öfen in den Altbauten 1989 arbeiteten in Mittel deutschland und in der Lausitz rund 140 000 Beschäftigte in der Braunkohlen industrie Heute hat der Braunkohlen förderer Mibrag mit Sitz in Zeitz weniger als 2000 Beschäftigte bei der Leag in der Lausitz arbeiten rund 8000 Menschen Die Mauer war 1989 gefallen die großen Veränderungen standen aber erst noch bevor Eine Reihe von Betrieben wurden von Konzernen aus dem Westen über nommen BASF Schwarzheide etwa ist heute einer der größten Produktions standorte im Konzern Bayer stellt in seinem Werk in Bitterfeld unter ande rem die Aspirin Produkte her Die Übernahme hatte allerdings auch zur Folge dass die Konzernzentralen meist im Westen blieben Das hat bei vielen Menschen in Ostdeutschland das Ge fühl hervorgerufen dass aus der Ferne über Dinge entschieden wird die sie betreffen ES GIBT ABER AUCH BETRIEBE die unabhängig blieben Das Spülmittel Fit kannte in der DDR jedes Kind Doch nach der Wende brach der Absatz erst einmal ein Zu verlockend waren die ver meintlich besseren Produkte aus dem Westen Die Zukunft für das Werk in Hirschfelde seit 2007 ein Ortsteil von Zittau stand auf der Kippe Zwar gab es Interessenten an der Marke aber zu nächst niemanden der die Produktion mit damals rund 450 Beschäftigten fort führen wollte 1993 übernahm ein ehe maliger Manager von Procter Gamble das Werk Heute arbeiten rund 250 Men schen bei der Fit GmbH und der Name Fit ist in Ostdeutschland nach wie vor ein Synonym für Spülmittel Auch in Leuna ging es weiter Ent scheidend für den Erhalt des Standorts war der Verkauf der Raffinerie an den französischen Konzern Elf Aquitaine und anschließende Bau einer neuen Anlage Das Rückgrad des Standorts wurde die im Jahr 1996 gegründete InfraLeuna GmbH bei der Joachim Nowak Betriebsratsvorsitzender war bis er 2018 in Rente ging Wir haben recht behalten dass Leuna eine Zukunft hat sagt er Über 100 Unternehmen haben sich seit 1990 angesiedelt mehr als 10 000 Menschen arbeiten für sie Leuna ist heute einer der modernsten Chemie Standorte in Europa Wolfgang Lenders

Vorschau IG BCE Kompakt 11/2019 Seite 49
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