18 kompakt Juli August 2019 INTERVIEW PROFESSORIN RITA MEYER Digitalsierung beschäftigtengerecht gestalten Die Bildungs und Arbeitsforscherin RITA MEYER über lebenslangen Wissenserwerb die soziale Dimension des technischen Fortschritts und die steigende Bedeutung von Gewerkschaften im Digitalen Wandel Frau Professor Meyer die Arbeitswelt ist durch die Digitalisierung im Wandel Wo stehen wir Wohin gehen wir beim Lernen Wir wissen noch nicht wohin die Reise wirklich geht Unter nehmen und Beschäftigte sind gleichermaßen verunsichert wie sich Digitalisierungsprozesse auf die Arbeitsgestaltung und auf die Qualifikationsanforderungen auswirken werden Allerdings ist die chemische Industrie im Vergleich zu anderen Branchen sehr gut aufgestellt Wir erleben in unseren Unter nehmensfallstudien eine relative Gelassenheit im Umgang mit dem Thema Das heißt die chemische Industrie scheint auf die Veränderungen besser vorbereitet als andere Ja Die Beschäftigten in der chemischen Industrie sind höher qualifiziert als in anderen Branchen des verarbeitenden Ge werbes Zudem haben die chemischen Produktionsprozesse traditionell einen hohen Automatisierungs und Vernetzungs grad Computergestützte Prozessmess und Leitsysteme sind in der Chemiebranche schon seit den 1970er Jahren etabliert und werden seitdem ständig optimiert Dennoch müssen die Beschäftigten Neues lernen Wie und wo lernen sie am besten Wer über eine qualifizierte berufliche Aus oder Weiterbildung verfügt ist erst einmal gut vorbereitet Das ist in der chemi schen Industrie die Mehrheit Eine fundierte Berufsausbildung bildet die Basis für alle weiteren Qualifizierungsschritte ins besondere beim informellen Lernen Das sind Lernprozesse die selbstgesteuert und am Arbeitsplatz stattfinden zum Beispiel beim Austausch mit Kollegen Ein älterer Mitarbeiter kann einen jüngeren beispielsweise fragen wie man ein digitales Lesegerät bedient Aber auch soziale Netzwerke kommen in Frage um Antworten zu bekommen und Neues zu lernen Wie können Arbeitgeber dieses informelle Lernen im Betrieb fördern Die Unternehmen müssen Rahmenbedingungen schaffen die verhindern dass auch die an und ungelernten Arbeitskräfte nicht abgehängt werden gerade in Zeiten des Fachkräfte mangels Diese Beschäftigten verfügen in der Regel über einen langjährig erworbenen Schatz an Erfahrungswissen den es zu heben gilt Zum Teil sind das Erfahrungen die junge Fach arbeiter gar nicht mehr machen können weil die Arbeits prozesse immer abstrakter werden Hier bietet es sich zum Beispiel an altersgemischte Tandems zu bilden die sich arbeitsplatznah gemeinsam qualifizieren Die einen haben die Fähigkeit mit den digitalen Medien besser umzugehen die anderen verfügen über das Erfahrungs und Prozesswissen aus den Abläufen Da umtreibt Beschäftigte und Arbeitnehmer vertreter die Frage wann die Mitarbeiter lernen sollen Während der Arbeitszeit in Schulungen oder in Eigeninitiative in der Freizeit Schulungen und Kurse außerhalb der Arbeit haben sich nicht bewährt Es ist schwierig das Gelernte auf die eigene Arbeit zu übertragen Daher versuchen die Unternehmen heute neue Formen der Arbeitsorganisation zu schaffen Im besten Fall läuft die Qualifizierung selbstorganisiert also im Arbeits prozess mit Allerdings hat die Befragung Arbeit 2020 der IG BCE Nordrhein gezeigt Dies führt auch dazu dass die Be schäftigten den Umgang mit der Digitalisierung als psychische Herausforderung und Stress erleben Es geht also darum Ar beiten Lernen und Leben in der Balance zu halten Wir haben dafür im Rahmen eines Projektes Instrumente zur Work Learn Life Balance entwickelt die zum Teil auch in der chemi schen Industrie schon zum Einsatz kommen Aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen muss das jeder Betrieb individuell gestalten Eine lernfreundliche Umgebung im Betrieb schaffen

Vorschau IG BCE Kompakt 7-8/2019 Seite 18
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