18 kompakt Juni 2019 INTERVIEW NICOLE MAYER AHUJA Die Arbeitssoziologin NICOLE MAYER AHUJA hält das Urteil des Europäischen Gerichtshofs EuGH zur Arbeitszeiterfassung für einen wichtigen Schritt hin zu einer gesünderen Arbeitszeitpolitik Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeit geberverbände kritisiert das Urteil des EuGH als Wiederkehr der Stechuhr Mit Recht Viele Vertreter von Unternehmen sind im Moment furchtbar aufgeregt das ist sehr polemische Kritik Das Bild der Stechuhr suggeriert eine Entwicklung hin zu völlig starren Arbeitszeiten wo eine Minute Verspätung zu Problemen für Beschäftigte führen kann Flexibles Arbeiten ist ja aber nach wie vor mög lich Diese Debatte führt am eigentlichen Thema vorbei Und das wäre Jetzt gibt es zum Beispiel Arbeitszeitkonten auf Wochen Monats oder Lebenszeitbasis Es gibt die Gleitzeit Und es gibt die Vertrauensarbeitszeit die als einzige unter all den Formen der flexiblen Arbeitsorganisation nicht mit der Forderung nach vollständiger Arbeitszeiterfassung vereinbar ist Denn hier wird Arbeitszeit eben nicht dokumentiert Das Unterneh men gibt eine Aufgabe eine Deadline sowie Material und per sonelle Ressourcen vor und die Beschäftigten müssen alles andere selbst organisieren Dabei besagt das aktuelle Arbeits zeitgesetz durchaus dass selbst bei Vertrauensarbeitszeit die mit Arbeit verbrachte Zeit irgendwie erfasst werden muss Ich kenne kein einziges Beispiel in der Wirtschaft wo Vertrauens arbeitszeit sowie dabei entstandene Mehrarbeit erfasst würde Das wäre dann also eine arbeitsrechtliche Grauzone Ja denn schon jetzt müsste Mehrarbeit auch erfasst werden In der Diskussion um das EuGH Urteil wird vielfach so getan als wenn die geforderte Arbeitszeiterfassung etwas völlig Neues wäre Nein es gibt ein Grundproblem das gelöst werden muss Sie sprechen jetzt von Entgrenzung der Arbeit also dem Problem dass Arbeit und Privatleben sich immer mehr durchmischen Besonders bei der Vertrauensarbeitszeit wird die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit zunehmend verwischt Man hat ein Problem zu lösen die Rahmenbedingungen setzt das Unternehmen man muss liefern egal wie viel Zeit es dafür braucht Das Wissen darüber wie man realistische Arbeitszeit einkalkuliert schwindet also Welche Gefahr liegt denn darin Ich denke dass viele Beschäftigte über Vertrauensarbeitszeit zahlreiche Unternehmensabläufe subventionieren Die Anfor derungen seitens der Unternehmen sind immer mehr gestie gen Um das zu erledigen wird halt mehr gearbeitet Und das oft bei einer unrealistischen Einschätzung des tatsächlichen Arbeitszeitbedarfs Man will die Aufgaben ja schaffen und niemand möchte Kolleginnen und Kollegen hängen lassen Die Beschäftigten müssen sich strecken um alle Vorgaben zu erfüllen Der Leistungsdruck wird größer Und mit Blick auf den seit Jahren auch von Gewerkschaften kritisierten Fachkräfte mangel wird alles noch problematischer Weil die anfallende Mehrarbeit auf weniger Menschen verteilt wird Das klingt so als hätte Vertrauensarbeitszeit keinen Vorteil Richtig angewendet kann es Vorteile geben Es klingt für viele ja auch erst einmal gut Nur wer setzt den Rahmen fest Nicht die Beschäftigten sondern die Unternehmen Nehmen Sie die IT Branche mit ihren vielen Start ups und den jungen moti vierten Beschäftigten Arbeitssoziologische Studien zeigen dass dort das Arbeiten rund um die Uhr vor allem mit Lebens phasen zu tun hat Die Befragten waren alle jung kamen nach dem Studium in den Job Aber sie haben beklagt dass Kinder und Familie mit dieser Art der Arbeitsorganisation auf keinen Fall zusammenpassen Also wird in einer Branche die wie geschaffen scheint für entgrenzte Arbeit durch Digitalisierung eben diese Entgrenzung als Problem gesehen In Indus triebranchen wäre das nicht anders Schon jetzt zeigt der Monitor Digitalisierung der IG BCE dass viele Beschäftigte tatsächlich mehr Stress Arbeitsver Arbeit und Freizeit verwischen zunehmend

Vorschau IG BCE Kompakt 6/2019 Seite 18
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